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Lateinische Betonungsregeln

geschrieben von iris2710 
Lateinische Betonungsregeln
06.08.2010 11:56:51
Hallo Christoph,

in Ihrem ansonsten sehr ausführlichen Buch vermisse ich Informationen zur lateinischen Betonung. Obwohl ich die in den meisten Grammatiken kurz skizzierten Aussprache-und Betonungsregeln im Großen und Ganzen verstanden habe, habe ich gerade bei den Komposita z.B. von ire und esse Probleme. Wird adeo wirklich auf dem a betont, also ádeo? Und werden die Silben getrennt oder miteinander verbunden ausgesprochen? Also ád_eo oder ádeo? So blöd das vielleicht klingt, als Neuphilologin fällt es mir ungeheuer schwer, Vokabeln einer Sprache zu lernen, deren Aussprache ich nicht beherrsche.

MfG
iris2710



1 mal bearbeitet. Zuletzt am 20.09.2011 07:47 von Christoph Kuhn.
Re: Frage zur Betonung z.B. bei den Komposita von ire
07.08.2010 13:34:26
Liebe Iris2710,

die Betonung rückt im Lateinischen so weit wie möglich vom Wortende weg.

égo, ich
hómo, Mensch

Dies gilt natürlich erst für zweisilbige Wörter, da bei einsilbigen Wörtern ohnehin nur eine Silbe betont werden kann.

ét, und
aút, oder

Bei drei- oder mehrilbigen Wörtern gilt die «Antepaenultimaregel»:

ante paene ultima bedeutet wörtlich übersetzt: «vor beinah letzte» und bezieht sich auf die «beinah vorletzte», «vorvorletzte» oder drittletzte Silbe eines Wortes.

Die Antepaenultimaregel besagt:

Drei- oder mehrsilbige Wörter werden auf der drittletzten Silbe (der Antepaenultima) betont.

Der lateinische Wortakzent hat also das natürliche Bestreben so weit wie möglich vom Ende wegzurücken, niemals jedoch über die drittletzte Silbe hinaus.

pópulus, Volk
auctóritas, Macht

Trotz Drei- oder Mehrsilbigkeit rückt die Betonung auf die vorletzte Silbe (die Paenultima) in folgenden Ausnahmen:

1. wenn es sich um eine dritte Person Plural Perfekt Aktiv auf -erunt handelt. Diese wird grundsätzlich immer auf dem e lang und betont gelesen, also:

habu-érunt, sie hatten
fu-érunt, sie waren

2. wenn die vorletzte Silbe einen langen Vokal, meist a, oder einen Diphthong aufweist:

Románus, Römer
incaútus, unvorsichtig

3. wenn die vorletzte Silbe auf einen Doppelkonsonanten auslautet:

aetérnus, ewig
tempéstas, Zeit

Gemäß der Antepaenultima-Regel wird adeo also in der Tat auf dem a betont, weil der e-Stamm kurz ist.

Zwischen Präfix und Stamm sollte man eine kurze Betonungspause einlegen, nicht aber zwischen Silben innerhalb des Stammes.

Ob Sie aber z. B. ae wie ä oder ai aussprechen, ist wieder eine Frage der Ideologie.

Mit solchen Fragen sollten Sie sich während eines Lateingrundstudiums befassen, nicht im Latinum, es sei denn, Ihr Prüfer legt darauf explizit wert. Auf die Betonungsregeln gehe ich bewusst kaum ein, da sie für das Textverständnis kaum einen Beitrag leisten und, wie so vieles im Latinum, irrelevantes Ballastwissen sind. Die Ausnahmen sind zahlreich und komplex. Für den Durchschnittsprüfling tragen sie nur zur allgemeinen Überforderung bei und das wissen auch die meisten Prüfer und fragen gar nicht erst danach. Manche etwas zwanghaftere oder perfektionistischere Persönlichkeiten mögen das in Ermangelung eines staatlich verordneten Kanons oder Gegenstandskatalogs vielleicht anders sehen, sollten das dann aber auch gegenüber Ihren Prüflingen präzisieren, was sie hören wollen. Ich würde mich jedenfalls auf das Thema Übersetzung konzentrieren. Die Aussprache ist tot, die Inhalte und die Grammatik interessieren. Sie können noch so gut lesen und betonen - Ihre Übersetzung macht doch am Ende die Note. Wenn Sie dort ohnehin brillieren und sich wirklich für die Betonung interessieren, sollten Sie sich überlegen Latein zu studieren und nicht zu meinem Buch, sondern zum Rubenbauer-Hofmann greifen. winking smiley

Liebe Grüße

Christoph



1 mal bearbeitet. Zuletzt am 07.08.2010 13:41 von Christoph Kuhn.
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