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Zur Daseinsberechtigung des Präteritums...

geschrieben von FreundDesGuten 
Zur Daseinsberechtigung des Präteritums...
09.07.2012 20:01:37
Re: Zur Daseinsberechtigung des Präteritums...
31.07.2012 19:16:11
Es hat ein wenig gedauert, da ich zunächst Urlaub hatte und derzeit meinen Intensivkurs betreuen muss.

Ihre Zusammenfassung ist grundsätzlich richtig. Im Deutschen gilt konsentiert: "Präteritum für vergangene Erzählungen (Erzähltempus), Perfekt für Erzählungen mit Bezug zur Gegenwart." Der resultative oder präsentische Aspekt des Perfekts steckt ja auch in den präsentischen Modalverben "haben" und "sein", die hier zur Anwendung kommen. Deshalb ist die Bezeichnung "Perfekt" für die "vollendete" Vergangenheit aus meiner Sicht irreführend, weil der Perfektvorgang, selbst, wenn er als "vollendet" oder "abgeschlossen" gelten kann, immer unmittelbare Auswirkungen auf die Gegenwart hat. Das ist ja mit "Bezug zur Gegenwart" gemeint:

"Ich habe mich gerade am Kopf gestoßen." Jetzt blutet es.
"Als Kind stieß ich mich am Kopf." Das ist lange vernarbt.

Ihr Sprachgefühl täuscht sie allerdings, wenn Sie auf jedes Rahmenverb im Präteritum noch einen weiteren Nebensatz erwarten. Das KANN, muss aber nicht so sein. Schlagen Sie doch nur mal einen Krimi von der aktuellen Bestsellerliste auf.

Verwechseln Sie hier nicht das lateinische Imperfekt mit dem deutschen Präteritum. Das eine wird zwar durch das andere übersetzt, funktional besteht aber zwischen Imperfekt und Präteritum ein entscheidender Unterschied. Das Imperfekt dient zur Angabe von andauernden, sich wiederholenden oder beginnenden Rahmenumständen, niemals aber zur Angabe von singulären Ereignissen. Das leistet im Lateinischen das Perfekt. Ganz anders das deutsche Präteritum (praeter-itum, vergangen): Es kann durchaus selbständig ein Einzelereignis schildern, aber auch Rahmenhandlungen oder beides gleichzeitig. Das Präteritum übernimmt daher also eine Art Doppelrolle bei der Übersetzung aus dem Lateinischen. Auf der einen Seite dient es der (vereinfachten) Wiedergabe des Imperfekts, auf der anderen Seite ist es auch für die Übersetzung des historischen Perfekts zulässig. Während also im klassischen Latein (schon bei Sallust aufweichend) die Trennlinie zwischen einem Tempus für die imperfekten, "unvollendeten" Begleitumstände und die perfekten, "abgeschlossenen" Einzelereignisse noch sehr scharf gezogen wird, ist die funktionale Grenze zwischen deutschem Präteritum und Perfekt natürlich längst verflossen. Hinzu kommt leider, dass das deutsche Präteritum wegen der unregelmäßigen Formen in der Altagssprache zunehmend erodiert und durch Perfekt und Präsens verdrängt wird. Wann und unter welchen Umständen genau diese Entwicklung ihren Lauf nimmt, kann ich Ihnen als klassischer Philologe aber auch nicht sagen. Da müssen Sie schon einen Germanisten fragen.
Übrigens: Ähnlich breit wie das heutige deutsche Präteritum ist bereits das Spektrum des altgriechischen Aorist (aoristos bedeutet unbegrenzt) gefächert, das von einfachem Erzähltempus, über die Vorvergangenheit bis zum sogenannten "gnomischen Präsens" (Spruch- und Erfahrungswissen) reicht.

Um Ihnen am Ende noch einen Tipp aus meinen Kursen mit auf den Weg zu geben: Ich lasse lateinisches Perfekt immer doppelt übersetzen, sowohl mit deutschem Perfekt als auch mit deutschem Präteritum - so haben Sie immer beide Varianten abrufbar. Daneben gilt natürlich eisern: Lateinisches Imperfekt immer mit deutschem Präteritum, niemals mit Perfekt übersetzen!



1 mal bearbeitet. Zuletzt am 31.07.2012 19:27 von Christoph Kuhn.
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